
Von wegen wild: Was das Land der 1000 Teiche mit unseren Weihern zu tun hat
Eine Arte-Doku über die Brenne – und was sie über Hege an unseren Gewässern lehrt
Frankreichs berühmtestes Feuchtgebiet ist komplett menschengemacht und überlebt nur durch Bewirtschaftung. Klingt vertraut? Ein Blick auf die Arte-Doku 'Europa - von wegen wild!' – mit kritischen Fragen und Anregungen für unsere eigenen Weiher.
Auf Arte läuft derzeit die Doku-Reihe „Europa – von wegen wild!“. Eine Folge widmet sich der Brenne in Zentralfrankreich – dem „Land der 1000 Teiche“, einem 1.800 km² großen Feuchtgebiet, das als eines der wertvollsten Schutzgebiete Europas gilt. Die Pointe: Diese scheinbar wilde Landschaft ist komplett menschengemacht – und sie überlebt nur, solange Menschen sie weiter bewirtschaften. Das klingt nach Frankreich, ist aber näher an unseren Vereinsgewässern, als man denkt.
Quelle: arte.tv – verfügbar in der Arte-Mediathek (43 Min.)
Worum es geht
Die Geschichte der Brenne beginnt mit einer Zerstörung: In der Antike holzten die Römer die Wälder für ihre Eisenverhüttung ab. Ohne Baumwurzeln vernässten die Böden – ein Feuchtgebiet entstand. Im 13. Jahrhundert erkannten Benediktinermönche, dass die sauren, tonhaltigen Böden für Ackerbau taugen – nämlich gar nicht. Also legten sie Teiche an und setzten Karpfen ein. Seit 700 Jahren wird dort nach fast unveränderter Methode gewirtschaftet: Teichketten mit regulierbarem Wasserstand, alle zwei Jahre Ablassen und Abfischen im Winter, die Fische gehen lebend als Besatz in Angelgewässer.
Das Ergebnis: eine der größten Sumpfschildkröten-Populationen Frankreichs, ein Drittel aller französischen Weißbartseeschwalben, ein Hotspot der Artenvielfalt. Aber das Gleichgewicht wankt: Die Teichwirtschaft rechnet sich kaum noch, Flächen verbuschen, Wildschweine zerstören Gelege, invasives Heusenkraut überwuchert Teiche, und der Klimawandel lässt die flachen Gewässer im Spätsommer trockenfallen.
Wenn man der Natur freien Lauf lässt, gibt es diese Seen bald nicht mehr – und auch ihre tierischen Bewohner verschwinden.
Aus der Arte-Dokumentation
Kritisch nachgefragt
So schön die Erzählung ist – ganz unkritisch sollte man sie nicht übernehmen. Drei Einwände lohnen sich:
1. „Kulturlandschaft“ rechtfertigt nicht jeden Eingriff. Dass Artenvielfalt durch Bewirtschaftung entstand, heißt nicht, dass mehr Bewirtschaftung automatisch mehr Vielfalt bringt. Die Brenne selbst liefert den Gegenbeweis: Als in den 1980ern und 90ern für höhere Fischerträge die Wasserpflanzen entfernt wurden, brachen die Seeschwalben-Bestände ein. Heute brüten sie auf rund 30 von 3.000 Teichen. Intensivierung und Pflege sind nicht dasselbe.
2. Der Karpfen ist eine ambivalente Figur. Im Schutzgebiet der Brenne wurde er entfernt, weil er den Grund aufwühlt und das Wasser trübt – während er für die Teichwirte drumherum der wirtschaftliche Hauptfisch bleibt. Für uns Angler unbequem: Unser klassischer Besatzfisch ist aus ökologischer Sicht kein Unschuldslamm. Die Antwort ist nicht Verzicht, sondern Dosis – extensiver Besatz statt Maximalertrag.
3. Wer pflegt, wenn es sich nicht mehr rechnet? Die Doku zeigt ehrlich, dass die Ökonomie, die diese Landschaft schuf, sie nicht mehr trägt. Teichwirte machen weiter „aus Verbundenheit“, manche verpachten an Jagdpächter, die Landschaft kippt. Genau an dieser Stelle sind Vereine wie unserer die eigentliche Antwort: Bei uns trägt das Ehrenamt, was anderswo der Markt nicht mehr finanziert.
Und was hat das mit Wangen zu tun?
Ziemlich viel. Ein Blick auf unsere Gewässer zeigt: Auch wir bewirtschaften überwiegend menschengemachte Teichlandschaften. Der Schießstattweiher mitten in Wangen ist ein historisches, von Menschenhand geschaffenes Gewässer. Der Herzogenweiher in Amtzell trägt sein Alter im Namen, ebenso der Schlossweiher Ratzenried. Hammerweiher, Röhrenmoos, Elitzer See – unsere Weiher sind, wie die Teiche der Brenne, Kulturerbe mit Wartungsvertrag. Ohne Hege verlanden sie: Pflanzen wachsen, verrotten, Schlamm sammelt sich, der Weiher verschwindet. Das ist keine Theorie, das ist Physik plus Zeit.
Spannend ist der Kontrast zu unseren Flussstrecken an der Oberen und Unteren Argen: Dort gilt eher das umgekehrte Prinzip – je weniger Verbau, desto besser. Die Doku hält beide Wahrheiten nebeneinander aus, und das sollten wir auch: Weiher brauchen Eingriff, Fließgewässer brauchen vor allem Raum.
Was wir mitnehmen können
- Wasserpflanzen stehen lassen. Krautfelder sind Laichsubstrat, Sauerstoffquelle und Kinderstube – auch wenn sie beim Werfen nerven. Die Brenne zahlt bis heute für ihr Entkrauten.
- Besatz kritisch dosieren. Karpfendichte an das Gewässer anpassen, nicht an den Wunschzettel.
- Invasive Arten früh erkennen. Das flutende Heusenkraut aus der Doku ist auch bei uns in Süddeutschland angekommen. Ein übersehener Ableger wird in wenigen Jahren zur dichten Matte. Wer beim Angeln Auffälliges sieht: melden.
- Klimawandel einplanen. Flache Weiher + Hitzesommer = Sauerstoffstress. Arbeitseinsätze und Besatz gehören in die kalte Jahreszeit, Wasserstände im Sommer auf den Radar.
- Beobachten und aufschreiben. In der Brenne zeigen markierte Schildkröten und GPS-Seeschwalben, wo Schutz wirken muss. Unser Äquivalent heißt: saubere Fangstatistik und offene Augen am Wasser.
- Verbündete suchen. Die Brenne funktioniert nur, weil Fischer, Landwirte, Jäger und Forscher zusammenarbeiten. Für uns heißt das: Naturschutz, Gemeinde und Verbände sind Mitspieler, keine Gegenspieler.
Die stärkste Botschaft des Films ist aber eine, die wir öfter erzählen sollten: Angler und Teichwirte sind dort nicht die Nutznießer der Natur, sondern ihre Architekten und Pfleger. Das gilt für unsere Weiher genauso – jede Arbeitsstunde am Wasser ist gelebter Naturschutz.
Die Folge läuft aktuell kostenlos in der Arte-Mediathek (43 Minuten) – auch gut geeignet für einen gemeinsamen Vereinsabend. Meinungen, Widerspruch und eigene Beobachtungen von unseren Gewässern gern in die Kommentare oder direkt an die Vorstandschaft.
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