
Der Kormoran am Gewässer – zwischen Artenschutz und Angelrealität
Warum der schwarze Taucher Angler und Naturschützer seit Jahren beschäftigt
Ein Blick auf eine Art, die viele am Wasser polarisiert: Was der Kormoran ist, warum er zurückgekehrt ist und was NABU, DAFV und der Landesfischereiverband Baden-Württemberg unterschiedlich bewerten.
Wer heute an der Argen, an einem der Bodensee-Zuflüsse oder an einem unserer Vereinsgewässer steht, kann ihn regelmäßig beobachten: einen großen, schwarz glänzenden Vogel, der mit ausgebreiteten Flügeln am Ufer trocknet oder lautlos auf Fischjagd geht. Der Kormoran ist ein beeindruckender Taucher. Für viele Vogelfreunde ist er ein Gewinn. Für Fischer und Fischereivereine ist er seit Jahren ein Thema, das Emotionen weckt – und das aus guten Gründen auf beiden Seiten.
Wer ist dieser Vogel eigentlich?
Der Kormoran (Phalacrocorax carbo) ist mit einer Körperlänge von rund 80 bis 95 Zentimetern und einer Spannweite bis knapp 1,50 Meter eine imposante Erscheinung. In Mitteleuropa dominiert die Unterart sinensis, die in großen Kolonien an Seen, Flüssen und Speicherbecken brütet. Ein erwachsener Vogel frisst je nach Studie zwischen rund 400 und 700 Gramm Fisch pro Tag – Rotaugen, Barsche, Forellen, Äschen, je nach Angebot. Tauchgänge bis 30 oder 40 Meter Tiefe sind für ihn keine Ausnahme.
Fast ausgerottet, heute überall
Anfang des 20. Jahrhunderts war der Kormoran in Deutschland fast verschwunden. Gezielte Verfolgung, Lebensraumverlust und Gewässerverschmutzung hatten die Brutbestände auf wenige Paare reduziert. Nach der Unterschutzstellung durch die EU-Vogelschutzrichtlinie in den 1980er Jahren erholte sich die Art in einem Tempo, das selbst Ornithologen überraschte. Heute brüten in Deutschland laut NABU rund 23.000 bis 28.000 Paare, europaweit rechnet man mit etwa 450.000 Brutvögeln.
Warum gibt es überhaupt einen Konflikt?
Der Kormoran ist ein hocheffizienter Fischjäger. Dort, wo er in größeren Trupps an kleineren Gewässern auftaucht – etwa an Forellenbächen, Äschenstrecken oder an Besatzgewässern – kann er den Fischbestand spürbar treffen. Bewirtschafter berichten seit Jahren von verletzten Fischen mit typischen Schnabelnarben, von eingebrochenen Äschenpopulationen und von Gewässern, in denen ein ganzer Besatz innerhalb weniger Wochen deutlich reduziert wird. Vor allem Arten mit geringer Individuenzahl und ohnehin angespannter Bestandslage stehen im Fokus.
Drei Blickwinkel auf dasselbe Tier
Der NABU stellt den Kormoran als heimische, natürlich zurückgekehrte Art in den Vordergrund. Das Argument: Wer die Wiederkehr von Biber oder Wanderfalke als Erfolg feiert, kann den Kormoran nicht gleichzeitig zum Problemvogel erklären. Abschuss sei kein geeignetes Mittel der Naturschutzpolitik, sondern ein Rückfall in die Muster des frühen 20. Jahrhunderts.
Der Deutsche Angelfischerverband (DAFV) sieht die Situation deutlich kritischer. Aus Sicht des Verbands ist der Bestand seit Mitte der 1990er Jahre stark gestiegen und nicht mehr gefährdet. Der DAFV fordert daher ein bundesweit koordiniertes, europäisch abgestimmtes Kormoranmanagement anstelle eines reinen Schutzstatus – ausdrücklich zum Schutz gefährdeter heimischer Fischarten wie der Äsche.
Der Landesfischereiverband Baden-Württemberg (LFVBW) legt den Schwerpunkt auf praktische Regelungen am Wasser. Die baden-württembergische Kormoranverordnung von 2010 erlaubt außerhalb geschützter Gebiete und ohne besondere Genehmigung einen Abschuss vom 16. August bis 15. März. In Schutzgebieten sind Einzelausnahmen der Regierungspräsidien erforderlich. Ziel ist ein Ausgleich zwischen Artenschutz an Land und Artenschutz im Wasser – ein Gedanke, den der LFVBW mit dem Satz zusammenfasst, Artenschutz beginne im Gewässer.
Wie sieht das vor unserer Haustür aus?
Auch an der Argen, an den Bodensee-Zuflüssen und an den Seen im Westallgäu spielt der Kormoran eine zunehmend sichtbare Rolle. Vor allem im Winter ziehen Trupps entlang eisfreier Fließgewässer und jagen dort Äschen und Bachforellen. Für Vereine wie unseren bedeutet das: Besatzmaßnahmen müssen überdacht, Rückzugsbereiche für Fische erhalten oder geschaffen und Beobachtungen konsequent gemeldet werden. Nur so stimmt die Datengrundlage, auf der Politik und Behörden arbeiten. Werkzeuge wie die Datenbank KormoDat 2.0 des LFVBW helfen, Sichtungen systematisch zu erfassen.
Was bleibt?
Der Kormoran gehört in unsere Kulturlandschaft, so sehr wie Hecht, Äsche und Graureiher. Strittig ist nicht seine Existenz, sondern die Frage, wie viel Kormoran ein bestimmtes Gewässer verträgt, ohne dass andere schutzbedürftige Arten darunter leiden. Der Streit zwischen Anglern und Naturschutz ist deshalb weniger ein Schwarz-Weiß-Thema als eine laufende Abwägung. Wer regelmäßig am Wasser unterwegs ist, hat die Situation jeden Tag im Blick – und ist damit oft die erste Stimme, die zählt.
Quellen und weiterführende Informationen: NABU-Artenporträt Kormoran, DAFV-Projektseite Kormoran, LFVBW-Artenschutzprojekt Kormoran, Wikipedia-Artikel Kormoran (Art).
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