Zwei Millionen Hoffnungsträger – Felchenaufzucht am Bodensee

In Nonnenhorn ziehen Fischwirtschaftsmeister millionenfach Felchen-Brütlinge auf, um den eingebrochenen Bestand im Bodensee zu stützen. Auch wenn unsere Gewässer keine Felchen führen – die Geschichte zeigt, wie wichtig konsequente Hegearbeit ist.

Am Bodensee läuft derzeit eines der spannendsten Hegeprojekte der Region: In der Fischbrutanstalt Nonnenhorn werden in diesem Jahr rund zwei Millionen Felchen-Brütlinge groSgezogen, um den dramatisch eingebrochenen Bestand wieder zu stabilisieren. Für uns vom FV Wangen ist das kein direktes Vereinsthema – in unseren Gewässern leben keine Felchen. Trotzdem lohnt der Blick über den Tellerrand: Was dort passiert, ist ein Lehrstück darüber, was Hege im 21. Jahrhundert leisten muss.

May 9, 2026
Daniel Altiparmak - Avatar Daniel Altiparmak

Vom Brotfisch zum Sorgenkind

Der Felchen war über Jahrhunderte das wirtschaftliche Rückgrat der Bodenseefischerei. Schon im Spätmittelalter wurde er weit über die Region hinaus gehandelt. Heute steht der Bestand so schlecht da, dass die Anrainerstaaten ein Fangmoratorium bis Ende 2026 verhängt haben. Die Zahl der Berufsfischer am See ist in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten von rund 120 auf etwa 40 geschrumpft – ein Bild, das jeden, der von Gewässerwirtschaft lebt oder lebt hat, nachdenklich macht.

Aufzucht in 32 Rundbecken

Begleitet wird das Moratorium von einem mehrjährigen Forschungsprojekt, in dem die jungen Felchen in der Brutanstalt deutlich länger angefüttert und vorgestreckt werden als früher. Die Idee dahinter ist einleuchtend: Wer als Fingerling schon ein paar Zentimeter misst, passt vielen Fressfeinden – darunter eingewanderte Stichlinge – nicht mehr ins Maul. In Nonnenhorn stehen dafür gut drei Dutzend Rundbecken bereit, gespeist mit Seewasser statt mit dem sonst üblichen, wärmeren Grundwasser. Sauerstoff, Strömung, Beleuchtung und Fütterung sind automatisiert und genau überwacht.

Handarbeit am sensiblen Tier

Trotz aller Technik bleibt die Aufzucht Handwerk. Die Larven müssen vorsichtig umgesetzt, Becken sauber gehalten, Wasserwerte täglich kontrolliert werden. Gefüttert wird mit feinkörnigem Trockenfutter, das in kurzen Intervallen auf die Wasseroberfläche gestreut und durch die Strömung den Brütlingen zugetragen wird. Erst wenn die Tiere mindestens drei Zentimeter lang sind, geht es in den See – Blaufelchen ins tiefe, dunkle Freiwasser, Gangfische in Ufernähe.

Was uns als FV Wangen daran interessiert

Unsere Vereinsgewässer sind keine Felchen-Gewässer. Karpfen, Hecht, Schleie, Forelle und die typischen Argen-Arten – das ist unsere Welt. Und doch lesen wir solche Berichte mit großem Interesse: Sie zeigen, wie schnell sich ein scheinbar stabiler Bestand verändern kann, wenn Nahrungsgrundlage, Gewässerchemie oder eingewanderte Arten kippen. Was am Bodensee mit Felchen passiert, ist im Kleinen auch in unseren Weihern und Fließgewässern denkbar.

Genau deshalb investieren wir als Verein viel ehrenamtliche Arbeit in Besatz, Strukturmaßnahmen, Gewässerpflege und Bestandskontrollen. Unsere Hegearbeit findet leiser statt – ohne Forschungsprojekt und ohne EU-Fonds –, verfolgt aber dasselbe Ziel: lebendige, stabile Bestände, die auch in zwanzig Jahren noch Freude am Wasser ermöglichen.

Ein hoffnungsvoller Blick nach Nonnenhorn

Ob die zwei Millionen Brütlinge ausreichen werden, den Bodensee-Felchen zurück in stabile Bahnen zu bringen, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Sicher ist aber: Ohne diese Arbeit hätte der Felchen am Bodensee kaum noch eine Perspektive. Aus Anglersicht ist das ein gutes Beispiel dafür, dass moderne Fischerei längst nicht mehr nur am Wasser stattfindet – sondern auch in den Becken stiller Brutanstalten am Seeufer.

Quelle: Hildegard Nagler, „Zwei Männer und zwei Millionen Felchen“, Schwäbische Zeitung, Ausgabe vom 9. Mai 2026, Seite 3. Dieser Beitrag fasst den Artikel in eigenen Worten zusammen und ergänzt eine Einordnung aus Sicht des FV Wangen.

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