Die Argen lebt von ihrem Kies

Der Untergrund entscheidet darüber, was in unseren Hausflüssen überleben kann

Wer an der Argen steht, sieht vor allem Wasser. Das eigentliche Kapital des Flusses liegt jedoch darunter: ein Bett aus Kies, das sich bei jedem Hochwasser neu ordnet. Genau diese Unruhe macht die Argen zu dem, was sie ist, und genau sie gerät zunehmend unter Druck.

July 31, 2026
Daniel Altiparmak - Avatar Daniel Altiparmak

Ein Fluss aus Bewegung

Die Argen entsteht erst bei Wangen-Pflegelberg. Dort treffen Obere und Untere Argen aufeinander, von da an fließt sie unter einem Namen weiter und mündet bei Langenargen als drittgrößter Zufluss in den Bodensee. Weil der Rhein den See durchfließt, gilt sie formal als dessen Nebenfluss.

Die beiden Oberläufe kommen aus dem Allgäu und könnten unterschiedlicher kaum sein. Die Obere Argen entspringt einem Sumpfgebiet bei Oberstaufen und arbeitet sich durch die Steinstufen und Wasserfälle des Eistobels, bevor sie Wangen erreicht. Die Untere Argen entsteht bei Missen aus Börlasbach und Stixnerbach, läuft nach Norden bis vor Isny und dann nordwestlich Richtung Waltershofen. Auf dem letzten Stück begleitet sie die A96 so eng, dass sie dafür streckenweise in ein neues Bett verlegt wurde. Das sieht man ihr bis heute an.

Der Fischereiverein Wangen e. V. bewirtschaftet drei Abschnitte: rund zwölf Kilometer an der Oberen Argen zwischen dem Gießbach-Zulauf und Hiltensweiler sowie zwei kürzere Strecken an der Unteren Argen bei Herfatz und bei Talerschachen. Besonders der Bereich Talerschachen gehört zu den wenigen Flussstrecken der Region, die nahezu unverbaut geblieben sind, mit offenen Kiesbänken, Totholz im Wasser und einem Umland, in dem rund 120 Vogelarten nachgewiesen sind.

Kies ist kein Untergrund, sondern Lebensraum

Fast alle charakteristischen Fische der Argen sind auf sauberen, durchströmten Kies angewiesen. Barbe, Bachforelle, Strömer und Schneider legen ihre Eier zwischen die Steine, wo frisches Wasser hindurchsickert und die Brut mit Sauerstoff versorgt, früher auch die Äsche. Die Groppe, eine europaweit geschützte Art, verbringt ihr ganzes Leben im Lückensystem des Flussbodens. Auch Köcher-, Eintags- und Steinfliegen, die Nahrungsgrundlage der Fische, entwickeln sich dort.

Setzt sich dieses Lückensystem mit Feinsediment zu, erstickt eine ganze Generation, ohne dass an der Oberfläche etwas davon zu sehen ist. Ein Fluss kann äußerlich intakt wirken und biologisch längst verarmt sein.

Wo es eng wird

Drei Entwicklungen wirken zusammen. Die Wärme: Warmes Wasser bindet weniger Sauerstoff, während der Stoffwechsel der Fische mehr davon verlangt. Für kälteliebende Arten wie die Bachforelle wird jeder heiße Sommer zum Härtetest. Der fehlende Kiesnachschub: Wehre und Stauhaltungen halten Geschiebe zurück, das flussabwärts fehlt; das Bett wird tiefer, härter und strukturärmer. Und die Feineinträge aus dem Einzugsgebiet, die sich bei schwacher Strömung in die Zwischenräume legen.

Die Wärme wirkt dabei unauffälliger, als es die Zahlen vermuten lassen. Schon wenige Zehntelgrad im Jahresmittel verschieben, was auf den Steinen wächst. Kiesel- und Fadenalgen setzen früher ein und halten sich länger, der Biofilm auf dem Kies wird dicker und klebriger. Feinpartikel bleiben daran hängen, statt weitergespült zu werden, und die Zwischenräume schließen sich von oben. Für einen laichenden Fisch heißt das: Die Kiesbank sieht aus wie immer, lässt sich aber kaum noch aufschlagen, und das Wasser zirkuliert nicht mehr bis zu den Eiern. Parallel verschiebt sich die Zusammensetzung der Kleinlebewesen, weg von kälteliebenden Stein- und Eintagsfliegen hin zu wärmetoleranten Arten. Der Fluss sieht dann immer noch gut aus, funktioniert aber anders, eine stille Katastrophe, wie wir sie an anderer Stelle schon beschrieben haben.

Wie das ausgeht, hat die Äsche vorgemacht. An unseren Strecken ist sie verschwunden, und auch intensiver Besatz hat daran nichts geändert: Fehlt die ökologische Nische, hilft kein Nachschub. Bei der Bachforelle zeichnet sich derselbe Weg ab. Sie zieht sich in die kühleren Oberläufe zurück und steht inzwischen erstmals auf der Roten Liste.

Ein Fluss wird nicht an einem einzigen Tag geschädigt, sondern über Jahre, und er erholt sich genauso langsam. Die Einbahnstraßen werden jedoch immer schwerer zu verlassen.

Daniel Altiparmak, 1. Vorstand des Fischereivereins Wangen e. V.

Was hilft und was jeder beitragen kann

Der Verein arbeitet an Durchgängigkeit und Struktur: Fischbypässe an den Wehren, Uferbepflanzung, die im Sommer Schatten wirft, und Renaturierungsabschnitte, in denen der Fluss wieder selbst arbeiten darf. Auch die Befischung bleibt bewusst zurückhaltend: eine Handangel, zwei Angeltage im Monat, keine Tageskarten.

Wer die Argen besucht, kann mit wenig Aufwand viel bewirken:

  • Kiesbänke meiden, wenn dort gelaicht wird, im Spätherbst/Winter von der Bachforelle, im Frühjahr von der Barbe
  • Nicht durch Flachwasser waten, wo sich Jungfische halten
  • Hunde nicht in den Fluss laufen lassen
  • Steine und Totholz liegen lassen: Steinmännchen kosten Kleinlebewesen ihr Zuhause
  • Ufergehölz und Schilf schonen, sie kühlen und stabilisieren das Ufer
  • Müll mitnehmen
  • Auffälligkeiten melden: trübe Einleitungen oder tote Fische bitte an den Verein oder die Fischereibehörde

Die Argen braucht keine spektakulären Rettungsaktionen. Sie braucht Bewegung im Kies, Schatten am Ufer und Menschen, die wissen, wie viel Leben unter der Wasseroberfläche von wenigen Zentimetern Lückenraum abhängt.

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