Frühaufsteher und Nachteulen unter Wasser – warum Fische innere Uhren haben

Eine neue IGB-Studie zeigt individuelle Chronotypen bei 17 Fischarten. Was das für Angler an Argen, Bodensee und unseren Vereinsgewässern bedeutet.

Manche von uns sind schon vor Sonnenaufgang am Wasser, andere kommen erst zur blauen Stunde am Abend an den Steg. Eine neue Studie unter Beteiligung des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) zeigt: Fische ticken nicht anders. Forellen, Karpfen, Zander und viele weitere Arten haben individuelle Tagesrhythmen – die einen sind „Lerchen“, die anderen „Eulen“.

April 24, 2026
Daniel Altiparmak - Avatar Daniel Altiparmak

Wer im Morgengrauen an der Argen steht oder im Sommer erst gegen Abend an einen unserer Vereinsweiher fährt, kennt das Gefühl: Manchmal läuft es früh, manchmal spät – und manchmal gar nicht. Eine international besetzte Forschungsgruppe um das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin liefert jetzt eine Erklärung, die Anglerinnen und Angler direkt betrifft: Fische haben, wie Menschen, individuelle innere Uhren. Manche Tiere sind konsequente Frühaufsteher, andere echte Nachteulen – und das über viele Tage hinweg, zuverlässig.

Was ist ein Chronotyp – und warum bei Fischen?

Der Begriff Chronotyp beschreibt, wann ein Individuum bevorzugt aktiv ist. Beim Menschen kennt man das aus der Schlafforschung: Die einen sind morgens sofort wach, die anderen laufen erst am Abend zu Hochform auf. Bislang war offen, ob auch frei lebende Wildfische solche stabilen, individuellen Rhythmen zeigen – oder ob sich alle Tiere einer Art mehr oder weniger gleich verhalten. Genau hier setzt die Arbeit der IGB-Forschergruppe um Prof. Dr. Robert Arlinghaus (IGB und Humboldt-Universität zu Berlin) und Dr. Christopher Monk (GEOMAR Kiel) an.

Die Studie in Zahlen

Ausgewertet wurden hochaufgelöste Aktivitätsdaten von 34 Meeres- und Süßwasserfischarten, erhoben mit akustischer Telemetrie und Biologging-Sensoren. Die Tiere trugen kleine Sender, die Schwimmtiefe, Geschwindigkeit und Position über Tage bis Wochen aufzeichneten. Bei 17 Arten ließen sich klar abgrenzbare, individuell stabile Chronotypen nachweisen – also Tiere, die über den gesamten Beobachtungszeitraum konsequent früher oder später aktiv wurden als ihre Artgenossen im selben Gewässer. Veröffentlicht sind die Ergebnisse im Fachjournal Fish and Fisheries (Martorell-Barceló et al., 2025, DOI: 10.1111/faf.70022).

Wer ist Lerche, wer ist Eule?

Die Unterschiede zwischen den Individuen sind teilweise beachtlich:

Forellen: Die extremste Spannweite. Manche Tiere waren bereits fünf Stunden vor Sonnenaufgang in Bewegung, andere erst fünf Stunden danach. Zehn Stunden Unterschied – innerhalb derselben Art, im selben Wasser.

Karpfen: Besonders deutlich beim Aktivitätsende. Einige zogen sich bereits drei Stunden nach Sonnenuntergang zurück, andere waren bis zu neun Stunden nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs.

Zander: Hier spielt die Größe mit. Größere, ältere Individuen ruhten tendenziell früher als jüngere Artgenossen – ein Hinweis darauf, dass Chronotyp, Alter und Strategie zusammenhängen.

Roter Zackenbarsch: Die vielleicht überraschendste Beobachtung. Kein Vertreter unserer Gewässer, aber in der Studie das Paradebeispiel für einen besonders starren Rhythmus – jedes Tier hat seinen Zeitplan, und es hält sich daran.

Warum Angler genau hinhören sollten

Die Ergebnisse haben eine direkte Folge für jede Sitzung am Wasser: Wenn Fische einer Art sich nicht alle gleich verhalten, dann fangen wir mit einem bestimmten Zeitfenster immer nur einen Teil der Population – nämlich jene Tiere, deren Chronotyp gerade zu unserer Angelzeit passt. Der frühmorgens aktive Karpfen landet überdurchschnittlich oft am Haken, der spätabendliche Typ deutlich seltener. Das erklärt, warum zwei Angler am selben Wasser, am selben Tag, mit unterschiedlichen Startzeiten völlig andere Fangbücher schreiben können.

Längerfristig ergibt sich daraus ein spannender Gedanke: Wenn wir über Jahrzehnte bevorzugt die „früh aktiven" Individuen entnehmen, verschiebt sich der Druck auf die Population. Die Fische, die übrigbleiben und sich fortpflanzen, sind tendenziell die vorsichtigeren, später aktiven Tiere. Selektive Befischung kann damit nicht nur Größen und Wachstumsmuster beeinflussen, sondern auch den Tagesrhythmus einer ganzen Population – eine Dimension, die in Hegeplänen bislang kaum vorkommt.

Was heißt das für unsere Gewässer?

Für uns am Röhrenmoos, an den Argen-Strecken und an den Weihern im Westallgäu ist die Studie weniger Sensation als willkommene Bestätigung dessen, was viele erfahrene Angler intuitiv längst wissen: Jeder Fisch ist ein Individuum. Pauschale Regeln wie „Karpfen gehen nachts" oder „Zander fängt man nur in der Dämmerung" treffen im Mittel zu – im Einzelfall aber eben nicht immer. Wer seine Ansitzzeiten variiert, Beobachtungen dokumentiert und auch mal zu ungewohnten Zeiten ans Wasser geht, trifft mit höherer Wahrscheinlichkeit auf Fische, die sonst unterhalb des Radars bleiben.

Für die Vereinsarbeit kommen leise, aber wichtige Impulse dazu: Wenn wir Aktivitätsmuster ernst nehmen, sollten wir sie in Bestandserhebungen, Elektrobefischungen und Hegeplanungen mitdenken. Nachtzählungen, frühe Morgenkontrollen und Beobachtungen außerhalb klassischer Kernzeiten liefern ein realistischeres Bild unserer Bestände als Momentaufnahmen am Nachmittag.

Vom Forschungspapier ins Abendprogramm

Dass das Thema nicht nur Fachpublikum erreicht, zeigt eine kleine Randnotiz: Die NDR-Quizshow Wer weiß denn sowas? hat die Frage nach dem Tagesrhythmus von Fischen aufgegriffen und dabei direkt auf die IGB-Forschung Bezug genommen. Das Bild des Frühaufsteher-Fisches ist also angekommen – zwischen Ansitz und Vorabendprogramm.

Was bleibt?

Fische sind keine austauschbaren Biomassen, sondern Tiere mit eigenen Tagesrhythmen, eigenen Vorlieben und – ja – eigenen Persönlichkeiten. Die IGB-Studie liefert dafür erstmals belastbare Daten über viele Arten hinweg. Für unsere Arbeit am Wasser bedeutet das vor allem eines: Genauer hinschauen, Beobachtungen teilen und nicht zu schnell von der eigenen Sitzung auf „den Fisch" schließen. Der nächste Biss gehört vielleicht nicht der Eule am anderen Ufer, sondern der Lerche, die wir bisher verpasst haben.

Quellen und weiterführende Informationen: IGB-Pressemitteilung „Eulen und Lerchen unter den Fischen" (igb-berlin.de); Martorell-Barceló et al.: Revealing Chronotypes Across Aquatic Species Using Acoustic Telemetry, Fish and Fisheries 26: 1134–1145 (2025), DOI 10.1111/faf.70022; Deutsche Gesellschaft für Ichthyologie „Innere Uhren bei Fischen" (ichthyologie.de); Deutschlandfunk Nova „Chronotypen – auch bei Fischen gibt's Eulen und Lerchen"; iFishMan-Beitrag zum NDR-Quiz Wer weiß denn sowas?.

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